(9) DER 100-JÄHRIGE KALENDER - SINN ODER UNSINN?
Viele reden von ihm, manch einer schwört auf ihn, aber nur wenige kennen ihn und das wahre Geheimnis seiner Entstehung wirklich! Meist wird er gerade dann besonders beharrlich verteidigt, wenn sein "Wissen" im gerade stattfindenden Wetteralltag einmal Bestätigung zu finden scheint, - seltener dagegen, wenn seine Auskünfte in krassem Widerspruch zum tatsächlichen Wettergeschehen stehen. Nie blieb er in den letzten 300 Jahren jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg völlig unerwähnt: - Der "Hundertjährige Kalender"!
In der Hoffnung eine bessere Kalkulierbarkeit der klösterlichen Wirtschaftsführung erreichen zu können, begann der Abt Moritz Knauer im Jahre 1652 damit, tagtäglich über die von ihm angestellten Wetterbeobachtungen im Frankenland sorgfältig Buch zu führen. Zahlreiche Bauernregeln berichteten schon damals von einem siebenjährigen Rhytmus, nach dem sich Wetterereignisse angeblich wiederholen sollten und so glaubte Knauer, daß eine nur siebenjährige Beobachtungsdauer zwangsläufig zu dem von ihm angestrebten Ziel einer möglichst genauen Wettervorhersage führen müsse.
Auch der im Mittelalter noch sehr beherrschende Glaube an die Astrologie unterstützte diese Annahme, waren es doch seinerzeit sieben Gestirne, denen man Einfluß auf die Geschicke des Lebens auf unserer Erde zugestand und denen man daher auch in wechselnder Folge die Regentschaft über jeweils ein Kalenderjahr zuschrieb.
Also notierte Knauer sieben Jahre lang Tag für Tag sorgfältig alle Wetterereignisse und schrieb diese alsdann für die folgenden Jahre einfach fort. Im Jahre 1700 veröffentlichte der Erfurter Arzt Christoph Hellwig eine überarbeitete und bereits bis in's Jahr 1800 fortgeschriebene Abschrift dieser Aufzeichnungen, die ihm zufällig in die Hände gefallen waren.
Der geschäftstüchtige Erfurter Buchhändler Weinmann war es schließlich, der um 1721 den bis heute berühmt gebliebenen Namen "Hundertjähriger Kalender" prägte, obwohl es sich bei den Aufzeichnungen in Wirklichkeit, wie wir ja gerade gehört haben, nur um einen siebenjährigen Kalender handelte. Heutzutage wird übrigens auch in der modernen Meteorologie die Existenz eines siebenjährigen Witterungs-Zyklus anerkannt, der unter anderem von periodisch wiederkehrenden Strömungsänderungen in unseren Weltmeeren - besonders in den Weiten des Pazifischen Ozeans - hervorgerufen wird.
Weil unser Wetter jedoch auch noch von einer ganzen Reihe anderer Zyklen und Faktoren geprägt wird, die jenen siebenjährigen Rhytmus nicht selten deutlich überlagern, haut es trotz aller Erkenntnis nur selten, halt eben nur zufällig mal hin, daß die Wetterversprechungen des "Hundertjährigen Kalenders" auch tatsächlich eintreffen. - Daher dürfte der "Hundertjährige" auch für zukünftige Generationen stets nur eine faszinierende Illusion bleiben...
Marburg, den 5. April 1998
copyright: Jürgen Vollmer, Marburg
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