(6) GLETSCHER UND LAVA: DAS WETTER VOR 300 MILLIONEN JAHREN

Immer wieder stoßen Geowissenschaftler auf die Spuren vergangenen Wetters. So zeugen fossile, das heißt versteinerte Reste von Pflanzen und Tieren, die einst auf der Erde gelebt haben, stets von den Klimabedingungen, die einmal an ihrem Fundort geherrscht haben. Aber auch aus der Anordnung und Struktur von Gesteinsschichten können die Erdwissenschaftler ablesen, wann und wo es in der Vergangenheit zum Beispiel Eiszeiten gegeben hat.

Die mächtigen, oftmals kilometerdicken Eispanzer aus jenen Zeiten haben nämlich vielerorts Geröllhalden zusammengeschoben und typische Gletscherschrammen in den Felsen zahlreicher Naturlandschaften hinterlassen. Schwierig wird es für die Wissenschaftler jedoch immer dann, wenn das Fehlen von fossilen Zeitzeugen auf besonders alte Vereisungen hindeutet: So geben Gletscherspuren in Zentralafrika, Indien, Australien und Südamerika den Forschern noch heute Rätsel auf: Wie konnte es in Äquatornähe jemals zu ausgedehnteren Eisbedeckungen der Erdoberfläche kommen?

Zahlreiche Theorien versuchen auf diese Frage eine Antwort zu geben. Die wohl abenteuerlichste von ihnen erklärt das Fehlen fossiler Spuren mit einer prähistorischen Sintflut, deren gigantische Wassermassen einst die Ur-Ozeane entstehen ließen: Heftigste, über Jahrtausende hinweg tobende Hagelunwetter sollen dieser Theorie zufolge seinerzeit längs des Äquators zur Bildung von riesigen Gletschern geführt haben...

Nach heutigen Erkenntnissen scheint jedoch eine ganz andere Ursache für die Spuren vergangener Eiszeiten in den heute unter dem Äquator liegenden Kontinenten verantwortlich zu sein: Geowissenschaftler glauben, daß einst alle Südkontinente in einer zusammenhängenden Landmasse, dem urzeitlichen "Gondwana-Kontinent" vereinigt waren! Dieser Großkontinent befand sich vor rund 300 Millionen Jahren in der Nähe des heutigen Südpols, so daß er in mehreren prähistorischen Eiszeiten von Gletschern bedeckt werden konnte.

Starke Konvektionsströme im glutflüssigen Erdinneren zerrten jedoch so gewaltig an der riesigen Landmasse, daß sie schließlich in die heute bekannten Einzelkontinente der Südhalbkugel unserer Erde auseinanderbrach. Eines jener Bruchstücke, die Antarktis, driftete langsam zum Südpol, wo sie sich noch heute befindet. Die anderen Bruchstücke trieben dagegen nordwärts und erreichten nach und nach ihre jetzigen Positionen nahe dem Äquator. Nur noch wenige Gletscherschrammen zeugen von ihrer dramatischen Geschichte...

Sonntag, den 15. März 1998


copyright: Jürgen Vollmer, Marburg



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