(32) Herbstnebel - Kühles Grau unter sonnigen Gipfeln
Jahr für Jahr dasselbe Spiel: Selbst wenn ein kräftiges Hoch den
Zeiger des Barometers tagelang souverän im "schönen" Bereich verharren läßt,
mag sich die Sonne einfach nicht oder allenfalls für ein paar wenige Momente am späten
Nachmittag zeigen. - Der Herbst sendet seine untrüglichen Boten in Gestalt jener
Nebelschleier, die bei Hochdruckwetterlagen bevorzugt im Oktober und im November alle
Hoffnungen auf den erwarteten Sonnenschein zunichte machen...
Was angesichts der trist-grauen Suppe aber kaum jemand ahnt: Für höher gelegene Orte, in
den Mittelgebirgen oder in den Alpen, zählen solche Tage mitunter zu den Schönsten des
Jahres. Dort spannt sich dann nämlich oftmals ein tiefblauer, wolkenloser Himmel über
ein geradezu märchenhaft anmutendes Idyll:
Alle Täler, Mulden und Gelandesenken scheinen wie von bauschig-weißer Watte zugedeckt
und über sanft gekräuselten Wolkenkuppen verströmt die tiefstehende Herbstsonne in
glasklarer Luft einen letzten Hauch wohliger Wärme. - Wie Inseln überragen benachbarte
Bergrücken- und Gipfel den von stiller Dünung bewegten Wolkenozean, aus dem nur
gedämpft der Alltagslärm der "verschluckten" Zivilisation ans Ohr des
faszinierten Betrachters dringt...
Schuld an diesem eindrucksvollen Naturschauspiel sind die länger werdenden Nächte: Bei
klarem windschwachem Wetter geht nämlich nachts bodennah mehr Wärme
"verloren", als der Erde an den immer kürzer werdenden Tagen von der Sonne
zugeführt werden kann. Als Folge dieser verstärkten Wärmeabstrahlung, bildet sich in
Bodennähe eine dünne Kaltluftschicht. Bei weiter fortschreitender Abkühlung kondensiert
der in dieser Luft enthaltene, überschüssige Wasserdampf ähnlich wie beim Beschlagen
einer kalten Fensterscheibe zuerst als "Tau" und dann als "Nebel".
Träge fließt diese zunächst nur wenige Dutzend Meter dicke Kaltlufthaut an geneigten
Flächen und Hängen abwärts und "füllt" die Täler wie einen See einige
Hundert Meter hoch mit dichter, kalter Nebelluft auf. Die Sonne hat im Herbst aber nicht
mehr genug Kraft, um diese Nebelschicht ohne Unterstützung des Windes aufzulösen. Und so
kann sich die feucht-kalte Nebelluft nach und nach mit Schadstoffen anreichern, wie sie
der Luft z..B. vom Straßenverkehr oder durch den Betrieb von Industrieanlagen pausenlos
zugeführt werden. - Die Meteorologen sprechen von einer Inversionswetterlage.
Gleichzeitig werden nun aber die Gipfel der Berge von trockener, klarer Warmluft umspült
und von der lachenden Herbstsonne verwöhnt und nicht selten ist es bei derartigen
Inversionswetterlagen in der Höhe um gut 5 bis 10 Grad wärmer, als in den vernebelten
Tälern. - Nebel ist also nichts anderes, als eine am Boden aufliegende Wolke, die im
Herbst von den Kuppen der heimischen Berge häufig überragt wird. Wanderer werden für
die Mühen des Aufstiegs nicht selten mit einem phantastischen Blick auf das Wolkenmeer
belohnt, wie man ihn sonst nur von Flugzeugen aus genießen kann...
Sonntag, den 15. November 1998
copyright: Jürgen Vollmer, Marburg
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