Mußte man sich noch bis vor einigen Jahren beim täglichen
Wetterbericht mit vagen Andeutungen über die zu erwartende Intensität und Verbreitung
angekündigter Regenfälle begnügen, so vermelden inzwischen immer mehr Radiostationen,
Fernsehsender und Zeitungen in ihren Wetterberichten die Eintrittswahrscheinlichkeit von
Regen in Form einer Prozentzahl.
Statt "einzelne" Schauer, oder "verbreitet" Regen, heißt es nun:
"Die Regenwahrscheinlichkeit liegt bei 50 Prozent". - Und zugegeben: Auf den
ersten Blick scheint diese Angabe genauer zu sein, als die früheren Floskeln zur
Umschreibung des eigentlich völlig normalen Unvermögens der Meteorologen, etwa
Schauerniederschläge gebietsgenau vorherzusagen.
Die nämlich kümmern sich herzlich wenig um die Vorhersagenöte der Wetterfrösche und
bilden sich stets dort spontan, wo das Zusammenspiel zwischen Sonne, Wind,
Luftfeuchtigkeit und Orografie der Landschaft zu einem x-beliebigen Zeitpunkt zufällig
gerade "passt". So kann es sein, daß es an einem Ort wie aus Kübeln gießt,
während nur 500 Meter entfernt im Extremfall kein einziger Tropfen vom Himmel fällt. -
Wie aber lassen sich nun derartige meteorologische Tatsachen mit der so lässig klingenden
Wahrscheinlichkeitsvorhersage in Einklang bringen und wie werden die dort zu treffenden
Prozentangaben eigentlich berechnet?
Die Antwort ist recht simpel: Von leistungsfähigen Großcomputern werden für ein
bestimmtes Gebiet und einen genau festgelegten Zeitraum Regenmengen von z.B.
durchschnittlich 5 Litern pro Quadratmeter errechnet. Ein erfahrender Meteorologe weiß,
daß bei einer Wetterlage mit Landregen nahezu 100 Prozent der Fläche auch tatsächlich
beregnet werden. Zeigen aktuelle Meldungen von bereits unter den Regenwolken liegenden
Wetterstationen keine oder nur geringe Intensitätsschwankungen, so wird die
Wahrscheinlichkeitsprognose für die noch vor der Regenzone liegenden Flächen mit 90 bis
100 Prozent angegeben.
Schwierig wird die Sache allerdings bei einer wie schon oben erwähnten Schauerwetterlage,
denn dabei kommt es häufig vor, daß nur ein Bruchteil der vom Computer berechneten
Fläche auch tatsächlich naß wird. Hier bietet allein eine akribische Beobachtung der
Wetterlage unter Auswertung der jeweils aktuellsten Satellitenbilder einen Anhaltspunkt
darüber, ob die Schauerwolken nun 20, 40 oder gar 80 Prozent des Vorhersagegebietes
überstreichen werden. - Nicht selten bleibt dem Meteorologen gar nichts anderes übrig,
als diese, vorher kaum bestimmbare Wahrscheinlichkeit einfach nur "über den
Daumen" abzuschätzen.
Auch die Auswertung früherer Wetterbeobachtungen bei ähnlichen Wetterlagen kann bei der
Bestimmung der Regenwahrscheinlichkeit zugrundegelegt werden, doch ergeben sich dabei
allenfalls statistische Mittelwerte, welche zwar die gewünschten Zahlen, keineswegs aber
eine Gewähr für deren Übereinstimmung mit der gerade aktuellen Wetterlage liefern, so
daß im Ergebnis auch dieser Ansatz nur bedingt zur Bestimmung der Regenwahrscheinlichkeit
taugt.
Trotz diesen offenkundigen Schwierigkeiten und Mängeln und dem aus ihnen für so manchen
Verbraucher resultierenden Empfinden, den Schirm mal wieder umsonst mitgeschleppt zu
haben, also einer beschmunzelbaren "Fehlprognose" aufgesessen zu sein, erfreut
sich die so überschaubar wirkende Prozentzahl bei vielen Nachrichtenmedien auch weiterhin
ungeteilter Beliebtheit und vielleicht fühlt sich der Spaß an Zahlen ja auch wirklich
"netter" an, als schwammige, aber eben zutreffende Worte wie
"mitunter", "gelegentlich" oder "verbreitet"...
Genauer, soviel steht für uns jedenfalls fest, wird eine Vorhersage auch durch die
Abschätzung des Regenrisikos in Prozent, für den unbeschirmten Pechvogel ganz sicher
nicht...
Sonntag, den 11. Oktober 1998
copyright: Jürgen Vollmer, Marburg
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