(3) FORVIE: EINE STADT ERTRINKT IM SAND

Als Ian McKinley im schottischen Küstenstädtchen Forvie an einem stürmischen Augustmorgen des Jahres 1413 vom berstenden Getöse seines einstürzenden Bootshauses alarmiert aus dem Haus eilte, blieb er wie angewurzelt stehen. Sein entsetzter Blick richtete sich auf die nahe Nordseeküste: Dort, wo er das gischtschäumende Brodeln der aufgewühlten See erwartet hatte, war die Bucht - soweit das Auge reichte - leer! Das Meer war verschwunden!

Stattdessen jagten schmutzig-gelbe Sandwolken parallel zum einstigen Ufer über den jetzt trockenen Meeresboden und formten in Strandnähe langgestreckte Dünenwälle. - Und diese Dünen waren in Bewegung! Unter der sich jäh steigernden Wucht des heranbrausenden Orkans türmten sie sich immer rascher übereinander und gleichzeitig wälzten sich ihre Sandfluten unaufhaltsam auf die Stadt zu...

Minuten später orgelte der entfesselte Orkan mit seiner vernichtendsten Gewalt über Forvie hinweg. Das Tageslicht wich einer fahl-grauen Finsternis, durch die geschoßartig Myriaden von Sandkörnchen peitschten, alle Konturen verschluckten und mit rasender Geschwindigkeit die nunmehr trümmerübersääten Straßen und Gassen der Stadt unter infernalischem Getöse verschütteten. - Die Bewohner hatten keine Chance der Katastrophe zu entrinnen.

Es herrschte Ebbe, als einer der gewaltigsten Stürme dieses Jahrtausends von Süden kommend über die Schottische Ostküste herfiel. Seine gigantischen Kräfte drückten unvorstellbare Wassermassen aus der Nordsee weg in den Nordatlantik. Dadurch konnten wegen des ebbebedingt ohnehin recht niedrigen Wasserstands in Küstennähe riesige Areale sandigen Meeresbodens „“ aufgewirbelt und vom Sturm in Richtung Küste mitgerissen werden.

Dort lagerten sich die Sandmassen ab, so daß der brüllende Orkan binnen wenigen Stunden ganze Küstenabschnitte verschütten konnte. - Das Städtchen Forvie liegt noch heute unter einer 30 Meter hohen, ausgedehnten Sanddüne begraben, - Spuren eines Orkans, der all' unsere Vorstellungskraft bei weitem übersteigt!

Jener Sturm war nur einer aus einer ganzen Serie verheerender Orkane, die gegen Ende des "warmen" Mittelalters über den Nordatlantik tobten. Mögen wir seine Gewalten als Warnung vor dem verstehen, was auch unseren Breiten bei einer neuerlichen Erwärmung des Erdklimas drohen könnte. Und mehr oder weniger starke Klimaschwankungen gab es auf unserem Planeten zu allen Zeiten, erinnert sei hier nur an die Eiszeiten, deren letzte vor gerade erst 12.000 Jahren ihren Höhepunkt hatte und in deren Verlauf der Spiegel der Weltmeere um fast 100 Meter unter den heutigen Stand gesunken war.

Niemand kann heute sagen, ob und inwieweit menschliches Wirken wie etwa die Abholzung ausgedehnter Waldregionen, das Verbrennen fossiler Energieträger und der damit verbundene, stetig wachsende Eintrag von CO2 in unsere Atmosphäre zu einer solchen Klimaschwankung beiträgt. Vielleicht wird gerade dadurch einem natürlichen Eiszeittrend entgegengewirkt, möglicherweise wird aber auch ein ohnehin gerade ablaufender Erwärmungstrend durch menschliches Wirken verstärkt. Wie es scheint müssen wir auf jeden Fall lernen uns der Natur und ihren sich stetig wandelnden "Gesichtern" anzupassen, etwa durch Verzicht darauf, immer mehr Flächen zu versiegeln, Flussläufe zu begradigen oder unsere Städte in wahre Betonwüsten zu verbauen.

Denn soviel ist sicher: Eine intakte Natur vermag mit natürlichen Klimaschwankungen weitaus besser zurecht zu kommen, als eine durch menschliches Treiben und Wirken in ihrer Kompensationsfähigkeit weitgehend zerstörte Umwelt. Das Schicksal des schottischen Städtchens "Forvie" zeigt jedenfalls, dass gigantische Wetterkatastrophen auch ohne jedes menschliche Zutun zu allen Zeiten auftreten können, denn wer möchte wohl ernstlich behaupten, dass jene gigantischen Stürme am Ende des Mittelalters bereits auf den erst Jahrhunderte später beginnenden CO2-Eintrag zurückzuführen waren?

Sonntag, den 22. Februar 1998

copyright: Jürgen Vollmer, Marburg



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