25) Hitzerekord - ja oder nein? - Hundstage entfachen Disput zwischen Wetterfröschen
Daß Hitze mitunter zu Kopf steigen kann, ist eine Binsenweisheit. Daß sie aber auch für gewöhnlich eher besonnene Gemüter der meteorologischen Bühne zu erregen vermag, - das verwundert schon ein wenig und macht neugierig auf die Gründe, die am Mittwoch Abend zum programmübergreifenden Disput zwischen zwei der prominentesten Fernsehmeteorologen Deutschlands geführt haben...
Man solle "die Kirche doch besser im Dorf lassen", mahnte ZDF-Meteorologe Dieter Walch in seiner Wetterpräsentation im Anschluß an die ZDF-Sendung "Heute" am Mittwoch abend und zielte damit auf Meldungen, die den Moselort "Brauneberg-Juffer" zum neuen Inhaber des absoluten deutschen Hitzerekords erklärt hatten. Mit 41,3 Grad sei dort am Dienstag die höchste je in Deutschland gemessene Temperatur registriert worden! Walch gab zu bedenken, daß man am Dienstag "zwei Meter über dem Asphalt der Karlsruher Innenstadt mit 42 oder gar 43 Grad sicher einen noch höheren Rekord hätte messen können", doch sei ein derart exponierter Ort für eine aussagefähige Wettermeldung nunmal einfach nicht repräsentativ!
Eine halbe Stunde später, um 19:53 Uhr, schalteten die ARD live zu Jörg Kachelmann, Deutschlands wohl schillerndstem Fernseh-Wetterfrosch, der sich prompt über die Zweifel an seinen Temperaturmeldungen beklagte. Bei der ARD-Wetterstation "Brauneberg-Juffer" gehe "alles mit rechten Dingen zu", so Kachelmann. Bei der dort gemessenen Temperatur vom Vortag handele es sich, wie bei allen ARD-Wetterstationen, um "seriöse Meßwerte".
So mancher hitzegeplagte Zuschauer mag sich angesichts dieses unerwarteten Wort-Scharmützels der Wetterfrösche die berechtigte Frage gestellt haben: Wer von den beiden hatte denn nun eigentlich recht und weshalb?
Nun, jedes Kind weiß, daß auf Asphaltflächen bei sommerlicher Hitze schlecht barfußgehen ist, weil man sich dabei buchstäblich die Sohlen verbrennen kann. Schuld an diesem Phänomen ist die dunkle Oberfläche des Belags, der das einfallende Sonnenlicht direkt in Wärme umwandelt. Nicht selten werden Asphaltoberflächen in praller Sonne bis über 60 Grad heiß, so daß sogar der enthaltene Teer zu schmelzen beginnt. - So wird verständlich, daß über einer solchen Asphaltdecke auch noch in zwei Metern Höhe (international übliche Meßhöhe) bei sonnigem Wetter höhere Temperaturen angetroffen werden, als in den brav genormten Klimagärten des Deutschen Wetterdienstes.
Kachelmanns Wetterstationen erfüllen zwar die internationalen Anforderungen an Meßgerät und Meßhöhe über Grund, aber nicht jeder, der von dem pfiffigen Schweizer ausgewählten Meßorte entspricht auch dem Erlebensraum der Bewohner. So wurde die Station "Brauneberg-Juffer" nicht etwa in dem kleinen Moselort selbst, sondern deutlich darüber, inmitten eines sonnendurchglühten Steilhangs des Moseltals eingerichtet. Die bei Sonnenschein wie in einem Kamin an diesem Hang aufsteigenden Warmluftpakete vermögen so, nicht nur dem vorzüglichen Wein dieser Region reichlich Öchsle-, sondern auch der Wetterstation ungewöhnliche Temperaturgrade zu bescheren.
Die Meteorologen sprechen von "überadiabatischen" Wärmezuständen, wo immer sich infolge von orographischen Besonderheiten und intensiver Sonneneinstrahlung höhere Temperaturen einstellen, als nach den atmosphärischen Gegebenheiten eigentlich zu erwarten wären. Und eine solche Besonderheit stellen die Steilhänge des Moseltals - zumal an ihren sonnenzugewandten Südseiten - nun einmal zweifelsfrei dar.
Unterm Strich haben dennoch beide Wetterprommis recht: Walch moniert zurecht die mangelnde Vergleichbarkeit von Kachelmanns Meßwerten mit den jahrzehntelangen Meßreihen der einst nur von den amtlichen Stationen des Deutschen Wetterdienstes erhobenen Wetterdaten. Aber auch Kachelmanns Wetterstationen tragen durchaus internationalem Standard Rechnung und dies würden sie sogar noch am Kraterinnenrand eines tätigen Vulkans tun, - vorausgesetzt der genaue Ort des neuen "Hitzrekords" fände dann auch die angemessene Erwähnung...
Bleibt zum Schluß allerdings die berechtigte Frage, wer von uns an einem heißen Sommertag wohl schon freiwillig in einem steilen Weinberg "herumkrackseln" würde, in welchem die Quecksilber ebenso wie über dem Asphalt der Karlsruher Innenstadt bei intensiver Sommersonne deutlich über die 40-Grad-Schwelle anzusteigen pflegen?
Hoffen wir doch lieber auf eine baldige Abkühlung...
Jürgen Vollmer
Marburg, den 12. August 1998
copyright: Jürgen Vollmer, Marburg
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