(23) Wetter-Chaos ‘98: Ist "El Nino" an allem schuld?

Tornadoserien in den USA, Überschwemmungen in China, Backofenhitze in Südeuropa, Schnee in den Alpen und Sturm an der Nordsee - spielt denn das Wetter jetzt nur noch verrückt? - Ist es "El Nino", jenes pazifische Wetterphänomen vom letzten Winter, dessen Folgen uns jetzt erreichen, oder gehen die aktuellen Wetterkapriolen schon auf "La Nina", das Gegenstück des inzwischen verebbten El Nino, zurück? Oder könnte sich etwa der nach wie vor ungebremste Treibhauseffekt bereits am Schwungrad unseres Wetterkarusells zu schaffen machen? - Die Spekulationen über die Schuld am weltweiten Wetterchaos überschlagen sich und schnelle Antworten haben - wie immer - einmal wieder Hochkonjunktur.

Gewiß mag "El Nino" mehr Störungen in der globalen Klimamaschine in Gang gesetzt haben, als die Forschung bisher nachzuweisen im Stande ist und ganz sicher kommt es auch nicht alle Tage vor, daß die Quecksilber an ein und demselben Tage auf Malta 45 Grad im Schatten erreichen, während es im Norden Englands in der Frühe friert. Aber dennoch besteht kein Anlaß, jede Auffälligkeit unseres Wettergeschehens immer sogleich "El Nino" zuzuschreiben.

Denn immer wieder hat es in der Vergangenheit in Mitteleuropa regnerische und unterkühle Sommerhalbjahre gegeben, ebenso wie auch die von der Regenbogenpresse gerade in den 90’-iger Jahren geradezu im Rudel konstatierten "Jahrhundertsommer", ohne, daß sich unsere Wettermaschinerie aufgrund derartiger Standgerichtsbarkeit tatsächlich auch nur ein einziges Mal dazu hätte hinreißen lassen, unseren Erwartungen ensprechend "weiterzumachen".

Stets sind die Witterungsprozesse auf unserer Erde ihren ureigensten, durch eine Vielzahl von in großen Teilen noch völlig unerkannten Faktoren geprägten Gesetzmäßigkeiten gefolgt und genau dies - und nicht mehr und nicht weniger - tun sie auch beim heurigen Sommerverlauf!

Zugegeben, die Frage nach dem Verbleib der längst überfälligen Sommersonne läßt inzwischen selbst hartgesottene Meteorologenherzen bluten, - deuten doch immer mehr Anzeichen darauf hin, daß sie sich hierzulande - notgedrungen - noch ein ganzes Weilchen hinter der Wolkenschleppe unterkühlter Nordmeerluft verstecken wird. Ja es ist sogar fraglich, ob wir diesjahr überhaupt noch einmal in den Genuß einer längeren, zusammenhängenden Hitzeperiode kommen werden.

Aber dennoch: - Eines ist der 98’-iger Sommer allen Unkenrufen zum Trotz ganz sicher nicht: Ein direktes oder alleiniges Produkt des so vielzitierten Wetterphänomens "El Nino"! - Zuviele Faktoren mischen in der Klimamaschinerie unserer Erde mit, um dieser ebenso einfachen, wie auch banalen Antwort zur Ehre zu gereichen. Allerdings scheint es - entgegen der herrschenden Lehrbuchmeinung - durchaus wahrscheinlich, daß indirekte Folgewirkungen dieses Phänomens an den Wetterkapriolen des 98’-iger Sommers auch in Europa maßbeglich beteiligt sind, denn noch nie wurde eine so extreme Ausprägung "El Ninos" beobachtet wie im letzten Winter.

Die positive Temperaturanomalie der pazifischen Wassermassen vor Südamerika hatte bis zu 7 Grad betragen und damit den doppelten Wert des bis dahin als "Jahrhundert-El Nino" bezeichneten Anomalie-Ereignisses von 1983 erreicht. Daß eine derart markante Klimastörung kaum ohne Folgen für unseren gesamten Planeten bleiben kann, sollte auch den hartnäckigsten Verfechtern der klassischen Klimalehre allmählich einleuchten. - Denn ebensowenig, wie publikumswirksame Katastrophentheorien der Wahrheitsfindung dienlich sind, vermögen dies auch einmal aufgestellte und seither beharrlich verteidigte, wissenschaftliche Dogmen zu sein...

Vordringlichstes Ziel aller Untersuchungen sollte vielmehr die Beantwortung der Frage sein, inwieweit derart heftige "El Nino"-Phänomene, wie dasjenige vom vergangenen Winter, nicht bereits längst Folgewirkung eines unbestreitbar zunehmenden Treibhauseffekts sind, dem die führenden Industrienationen der Erde aus wirtschaftlichen Interessen heraus - von halbherzigen Absichtsbekundungen abgesehen - nicht wirklich ernsthaft entgegenzutreten gedenken...

Das Problem, soviel steht zumindest fest, geht sehr viel tiefer, als ein verregneter Sommer...

Marburg, den 12. Juli 1998

copyright: Jürgen Vollmer, Marburg



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