(2) EBBE UND FLUT - VOM EINFLUß DES MONDES AUF UNSER WETTER

„Wenn die Anziehungskraft des Mondes tatsächlich so riesige Wassermassen in den Weltmeeren zu Flutbergen auftürmen kann, daß dadurch Ebbe und Flut entstehen, dann müßte sie doch umso stärker auch auf die viel leichtere Lufthülle der Erde einwirken und auch dort „Flutberge“ hervorrufen, die den Erdball umwandern und dabei Einfluß auf das Wetter nehmen könnten“...

Mit diesen bestechenden Überlegungen konterte kürzlich ein Freund meine Erklärung, daß der Vollmond an Wetterwechseln schon deswegen nicht beteiligt sein kann, weil sich das Wetter dann an allen Orten der Erde stets gleichzeitig ändern müßte, denn Vollmond findet rund um die Erde stets am gleichen Tage, beziehungsweise in der jeweils gleichen Nacht statt.

Nun - die Massenanziehung zwischen Erde und Mond wirkt tatsächlich auch auf die freie Atmosphäre, ja sogar auf die feste Erdkruste ein und verursacht auch dort Ebbe und Flut. - Während der Meeresspiegel auf offener See dabei um gut einen Meter schwankt, hebt und senkt sich der feste Boden unter unseren Füßen zweimal täglich um immerhin noch etwa 30 Zentimeter! - Hiervon bemerken wir allerdings nichts, denn diese Bewegung spielt sich natürlich nicht ruckartig, sondern ausschließlich „weich“ und kontinuierlich ab.

In der massearmen Lufthülle schrumpft dieser "Gezeitenunterschied" dagegen auf eine kaum noch meßbare Größenordnung. Denn Luft besitzt eine rund 800 mal kleinere Masse als Wasser, so daß den Gezeitenkräften in der freien Atmosphäre auch nur eine entsprechend kleinere „Angriffsmasse“ zur Verfügung steht. - Die vom atmosphärischen "Flutberg" verursachte Schwankung des Luftdrucks bleibt daher etwa 100 mal schwächer, als zum Beispiel diejenige, die an einem schönen Sommertag von sich im Tagesgang erwärmender und wieder abkühlender Luft bewirkt wird.

Selbst wenn - wie in der Nähe von Tiefdruckgebieten - ausreichend „Wolkenwasser“ vorhanden ist, reicht diese minimale Kraft daher nicht aus, um etwa Schnee- oder Regenfälle merklich zu verstärken oder zu hemmen und auch die Windströmungen, welchen die Wolken ja zwangsläufig folgen, können davon nicht um den Hauch eines Winkelgrades abgelenkt oder umgeleitet werden.

Im Ergebnis bleibt ein spürbarer Einfluß des Mondes auf unser Wetter sicherlich weit hinter demjenigen zurück, den unser leuchtender Nachtwächter mitunter auf die menschliche Fantasie auszuüben vermag.

Sonntag, den 22. Februar 1998


copyright: Jürgen Vollmer, Marburg



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