Der vergangene Mai zeichnete sich bekanntlich durch ziemlich gewitterreiche Wetterlagen aus. Immer wieder ballten sich über allen Teilen Mitteleuropas dicke Quellwolken zusammen und entluden sich vor allem in den letzten Monatstagen mancherorts in heftigen Unwettern. Sintflutartige Regenfälle oder auch vernichtende Hagelschläge waren die Folge, so etwa in Berlin, wo sich am Dreißigsten Mai - Medienberichten zufolge - in einigen Bezirken innerhalb von wenigen Minuten eine bis zu 30 cm hohe Hagelschicht gebildet haben soll.
Aber auch in vergangenen Jahren gab es immer mal wieder schwere Gewitter, die für die betroffenen Regionen mitunter verheerende Folgen hatten. Zum Glück spielen sich die heftigen Unwetter jedoch meistens nur auf sehr eng begrenztem Raum ab, so daß die zerstörerischen Folgen von Blitzeinschlägen, Sturmböen, katastrophalen Regenfluten oder herabschiessenden Hagelschlägen nur selten gleichzeitig ein größeres Areal heimsuchen.
Nur dann, wenn sich aus einzelnen Gewitterwolken sogenannte "Superzellen" oder sehr großräumige Wolkencluster bilden, können auch einmal ausgedehntere Regionen von ein und demselben Unwetter betroffen sein. Ein solches Mega-Unwetter ereignete sich am 27. Juni 1994 über Südwestdeutschland:
Eigentlich waren für jenen denkwürdigen Montag nur "einzelne Wärmegewitter" angekündigt, doch eine Mega-Gewitterzone bescherte einem Gebiet, das sich von Burgund über die Rheinebene, den Schwarzwald und den Odenwald hinweg nordwärts bis zur Rhön und zum Sauerland und nach Nordwesten hin über die Pfalz und das Saarland bis zur Kölner Bucht ausbreitete, in einer der blitzreichsten Gewitternächte seit Jahren atmosphärisches Dauerfeuer und vielerorts mehr als 30 Liter Regen je Quadratmeter.
Angefangen hatte alles ganz harmlos über dem Renchtal im Schwarzwald, wo in schwül-heißer Luft am Spätnachmittag ein zunächst nur kleinräumiges, aber besonders aktives Wärmegewitter entstand. Es brach mit der gigantischen Regenflut von bis zu 177 Litern je Quadratmeter über die der Rheinebene vorgelagerte "Ortenau" herein und dehnte sich am Abend westwärts bis zu den Vogesen aus. Kleinere Gewitterwolken in der Umgebung wurden dabei einfach "geschluckt", so daß sich ein Moloch zusammenbrauen konnte, der um 21 Uhr bereits den gesamten Oberrheingraben überdeckte.
Wie ein gefräßiges Ungeheuer saugte das Wolkenungetüm sodann aus immer weiterem Umkreis riesige Luftpakete an, wodurch die Gewitterzone besonders in ihren Randbereichen ständig neue Nahrung erhielt und schließlich gegen Mitternacht auch über den westlichen Mittelgebirgsraum hereinbrechen konnte: Ein "Mesoscale Convective Complex" (MCC) war geboren, ein wahrer Gigant unter den Gewitterwolken, - ein Gewittersystem, das sogar eine eigene Rotationsbewegung, entgegen dem Uhrzeigersinn, entwickelte...
Erkennbar wurden die explosionsartig wachsenden und an einen gewaltigen Mahlstrom erinnernden Ausmaße jenes Tropengewitters, dies sei zur Verteidigung der überraschten Meteorologen angemerkt, erst am späten Abend. Und vorhersagbar war letztlich einzig und allein sein jähes Ende: Innerhalb von nur 3 Stunden löste sich der gewaltige Wolkenkoloss vollständig auf, weil sich die Luft in seiner Umgebung in den frühen Morgenstunden des 28. Juni soweit abgekühlt hatte, daß der Nachschub an Warmluft schlagartig zusammenbrach...
Marburg, den 31. Mai 1998
copyright: Jürgen Vollmer, Marburg