15) Frostschäden nach den Eisheiligen - Ist sowas denn überhaupt möglich?

"Nach der Wettervorhersage kann ich doch gar nicht gehen! Wenn die für die Nacht 5 Grad melden, wird es hier bei klarem Wetter vorneweg nochmal 5 bis 7 Grad kälter. Das heißt, ich muß mit Nachtfrost rechnen und meine Treibhäuser überwachen, damit ich sie notfalls beheizen kann." - Mein Gesprächspartner, ein Bioland-Gärtner aus Mittelhessen, weiß wovon er spricht: "Vor ein paar Jahren sind mir sogar noch Anfang Juni Kartoffeln und Tomatenpflänzchen erfroren, obwohl der Wetterbericht plus 5 Grad gemeldet hat."

Der betroffene Gärtner steht mit solchen Erfahrungen nicht allein: Auch in Teilen Bayerns, Thüringens und Sachsens mußten Landwirte und Hobbygärtner auch noch Ende Mai immer wieder Frostschäden hinnehmen, und das mitunter auch dann, wenn es nach dem Wetterbericht eigentlich "frostfrei" bleiben sollte... - Und auch wenn in der letzten Woche anstatt der rauhbeinigen Regentschaft der Eisheiligen "laue Grillabende" ins Freie lockten, konnte nach Sonnenuntergang längst nicht überall auch wirklich auf Gestricktes verzichtet werden.

Wie kommt es also, daß es in ländlichen Mittelgebirgsregionen bei klarem Wetter nachts oftmals viel kälter wird, als die Meteorologen ansagen? - Nun, zum einen ist das bestehende Meß- und Beobachtungsnetz des amtlichen Wetterdienstes leider viel zu weitmaschig, um kleinräumige Besonderheiten überhaupt erfassen zu können, so daß diese - bedauerlicherweise - bei der Erstellung der Wettervorhersage nicht immer bemerkt und berücksichtigt werden.

Zum anderen begünstigt das geographische "Gesicht" der Mittelgebirgsregionen bei klarem, windschwachem Wetter auf örtlich eng begrenztem Raum tatsächlich nicht selten besonders tiefe Temperaturminima. Oft sind die "Kaltluftkissen" nur wenige Meter hoch, die nachts von flachen Hängen und Kuppen in landwirtschaftlich genutzte Senken oder Flußniederungen hinabfließen und sich hier wie in einem unsichtbaren Tümpel sammeln. Solche orographisch bedingten Kaltluftseen können mitunter sogar noch Anfang Juni Bodenfrost verursachen.

Dabei kann es - kleinräumig - gut 4 bis 5 Grad kälter werden als in der höher gelegenen Umgebung oder in städtischen Gebieten. Dadurch kann es kurioserweise im Giebelbereich eines Wohnhauses in ländlichen Regionen ohne weiteres sogar um bis zu 7 Grad wärmer sein, als drunten vor der Haustür...

Daher sollte, wer sich dieser Tage gerne bei Würstchen und Bier im Freien aufhält, nach Sonnenuntergang stets den Pullover bereithalten und - wenn bei wolkenlosem Himmel Tiefsttmperaturen um oder gar unter 5 Grad angekündigt werden, frostempfindliche Pflanzen zur Sicherheitnoch bis Anfang Juni mit Folie abdecken...

Marburg, den 17. Mai 1998

copyright: Jürgen Vollmer, Marburg



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