(14) Lawinen: Von der Dynamik des "Weißen Todes"
Die Kettenreaktion war perfekt: Ein Bergfalke ließ sich auf der Neuschneedecke knapp unter dem Kamm des Südhangs nieder. - Zuerst bildete sich nur ein feiner, kaum wahrnehmbarer, etwa armlanger Riß in der jungen, mehr als meterstarken Pulverschneeauflage.
Dann wirbelte eine dünne Fahne glitzernden Schneestaubs auf. Wie von Geisterhand fraßen sich unmittelbar darauf zickzackförmige Risse quer zum Hang durch die Schneedecke und es ertönte ein leises Knistern. Ein breites Schneebrett geriet in Bewegung, zuerst noch langsam wie in Zeitlupe, dann aber, unter dem Druck der rasch wachsenden Masse der abrutschenden Schneelast bald schneller und immer schneller. Feinster Schneestaub quoll in dicken, weißen Wolken empor...
Nach 30 Sekunden "kochte" der gesamte obere Hang: Mit rasantem Tempo stürzte die Lawine inzwischen talwärts, warf sich auf die noch ruhenden Schneedecken tieferer Zonen des Hangs und riß dabei von Sekunde zu Sekunde immer größere Schneemassen mit sich. Bald schon waren es einige Hunderttausend Tonnen brodelnden Schnees, die, eine vernichtende Druckwelle vor sich aufbauend, mit todbringender Gewalt hangabwärts jagten.
Als die Lawine nach weniger als zwei Minuten das 1200 Meter tiefer gelegene Dorf erreichte, war die ihr vorauseilende Druckwelle so gewaltig, daß sie kleinere Gebäude wie Streichholzschachteln durch die donnernde Luft wirbelte. 2 Sekunden später brachen mehrere Millionen Tonnen Schnee mit der verheerenden Wucht von über 200 Stundenkilometern über die Trümmer der unglückseeligen Siedlung herein, - es gab kein Entrinnen...
Warmes Wetter steht meist am Anfang solch' verheerender Lawinenkatastrophen: Die Sonne taut den Schnee an den Südseiten steiler Hochgebirgshänge oberflächlich an. Nachfolgender Frost läßt eine hauchdünne Eisschicht entstehen, welche die darunter befindlichen Schneeschichten und die darin enthaltene Luft hermetisch verschließt. Unter dieser luftundurchlässigen Eisdecke formt daraufhin aufsteigender Wasserdampf die vorhandenen Schneekristalle nach und nach in konisch geformte "Prismenkristalle" um, deren Gestalt winzigen Rollen gleicht.
Das Gewicht darauffallenden Neuschnees drückt sodann auf die zerbrechliche Eisplatte über jenen "Rollen" bis eine kritische Grenzbelastung erreicht wird. Schon das geringste, zusätzliche Gewicht kann nun diese feine Eisschicht zerbrechen, die darunter entstandenen Prismenkristalle ins Rollen bringen und damit den so zerstörerischen Abgang einer todbringenden Lawine in Gang setzen. Sterbende oder bereits fehlende Wälder an den Steilhängen der betroffenen Gebirge bieten dem "weißen Tod" sodann freie Bahn bis ins Tal...
Marburg, den 10. Mai 1998
copyright: Jürgen Vollmer, Marburg
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