(10) NACH DEN GLETSCHERN DIE SINTFLUT...

Als Aijà am Morgen nach dem Sturm die steilen Klippen zum 40 Meter über dem schmalen Geröllstrand gelegenen Eingang seiner Stammeshöhle erklomm, brachte er schlimme Botschaft: Die Robben waren verschwunden! Das Meer hatte ihren Felsen vor den Klippen schon öfters überflutet und jedesmal waren sie danach in kleinerer Zahl auf "ihr" Eiland zurückgekehrt.

Heute aber war die düstere Prophezeihung des Medizinmanns in Erfüllung gegangen! - Diesmal hatten sie den "Sinkenden Fels" und mit ihm zugleich den ganzen Küstenabschnitt verlassen. Sie waren fortgezogen und mit ihnen war auch die Lebensgrundlage von Aijà's Sippe verschwunden. - Sein Stamm würde ebenfalls fortziehen und sich andere Lebensräume erschließen müssen...

Gut 17.000 Jahre sind vergangen, seit Aijà's Stamm die sichere Höhle in einem heute französischen Abschnitt der Mittelmeer-Steilküste verließ und auf der Suche nach neuen Robben-Fanggründen der rauhen, nur spärlich bewachsenen und von reißenden Flüssen durchschnittenen Küste zu folgen begann. In jener Zeit ließen die Schmelzwasserfluten der gerade endenden Eiszeit den zunächst 80 Meter unter der heutigen Marke liegenden Meeresspiegel in mehreren Schüben rasch anschwellen.

Dabei vollzog sich der Anstieg um 12.000 vor Christus mit 8 Zentimeter pro Jahr in einem vergleichsweise dramatischen Tempo. - Er kam dann jedoch bis cirka 8.000 vor Christus bei etwa 40 Metern unter dem heutigen Pegel vorübergehend zum Stillstand. Erst in den folgenden 5.000 Jahren schmolzen die Eiszeit-Gletscher dann vollständig ab.

So erreichte der Meeresspiegel schließlich vor etwa 4.000 Jahren einen Stand, der sogar noch um gut einen Meter über dem heutigen Niveau lag. Der vor wenigen Jahren wiederentdeckte Eingang zur prähistorischen Schutz-Höhle von Aijà's Stamm befindet sich daher derzeit in einer Tiefe von 36 Metern unter dem Meeresspiegel.

Experten erwarten infolge der durch den Treibhauseffekt ausgelösten, globalen Erwärmung im 21. Jahrhundert ein erneutes Ansteigen der Weltmeere. Nur weil bei diesem Prozeß zugleich auch vermehrte Schneefälle große Wassermengen in die polaren Gletscher einlagern dürften, wird sich dieser Anstieg vorerst noch auf wenige Dezimeter beschränken. - Sorgt der Mensch jedoch - wie bisher - für immer weiteren Wärmenachschub, könnte dereinst auch das Eis der Polargebiete abtauen. Das dabei frei werdende Schmelzwasser würde sodann zu einem beträchtlichen Anstieg des Meeresspiegels führen, die küstennahen Gebiete unserer Erde überfluten und dabei den Lebensraum von Abermillionen Menschen verschlingen...

Marburg, den 12. April 1998

copyright: Jürgen Vollmer, Marburg



Wetterrevue- Startseite Das Magazinarchiv 10-Tage-MRF- Animation Unsere Wetterfibel Die Wettergeschichten