(1) WENN JEDER SEIN EIGENES WETTER MACHEN KÖNNTE
Seit jeher zollt der Mensch dem Naturphänomen Wetter Ehrfurcht und Respektlen Zeiten trieb ihn aber zugleich auch die Sehnsucht um, Einfluß auf jene so unberechenbare Naturgewalt nehmen zu wollen oder sich doch zumindest durch frühzeitige Deutung der Vorzeichen auf ihr mitunter verheerendes Walten vorbereiten zu können.
Dies ist kein Wunder, weil ausbleibende oder im Übermaß fallende Niederschläge in früheren Jahrhunderten, nicht minder als heute, stets mit der Gefahr vernichtender Ernteausfälle einhergingen, die das Überleben ganzer Sippen und Stämme massiv gefährden konnten.
Häufig wurden daher religiöse Zeremonien abgehalten, um die Geister zu beschwören, endlich die dringend benötigte Wetterbesserung oder den längst überfälligen Regen zu senden. So mancher Medizinmann stieg zu Ansehen, Ruhm und Macht auf, weil es ihm etwa als Regenmacher gelungen zu sein schien, drohende Wetterunbill von den Seinen abzuwenden. - Diejenigen seiner Zunft, die das nicht schafften, fanden ihr Heil allerdings häufig nur in der Flucht...
Heutzutage haben wir natürlich längst erkannt, daß Wettervorhersagen selbst mit den Mitteln modernster Technik immer mal wieder daneben gehen können, denn zu viele unerkannte Faktoren wirken permanent auf die Dynamik unserer Athmosphäre ein und versetzen sie immer wieder in einen chaotischen und damit in einen unberechenbaren Zustand.
Und so blieb es dem Menschen bis heute verwehrt, den uralten Wunsch des "Wettermachens" auch nur ansatzweise verwirklichen zu können: Zwar wurden bei der Hagelabwehr und sogar beim Regenmachen durch das Impfen von Wolken mit Silberjodid-Kristallen kleinräumig bescheidene Erfolge erzielt, doch entzieht sich Petrus beharrlich allen Versuchen, die Rezepte seiner Wetterküche auch in größerem Stil manipulieren zu lassen. - Und das ist auch gut so:
Man bedenke das Chaos, welches über eine Welt hereinbrechen würde, in der sich jede Nation, jede Region, jede Stadt oder gar jedes Dorf das eigene Wetter produzieren könnte. - Würden nicht unweigerlich übelste Grenzstreitigkeiten schon an der Gartenmauer zweier Nachbarn vom Zaun brechen, weil des Einen Sonnenbad nunmal einfach nicht mit dem alltäglichen Landregen über des Anderen liebevoll umsorgten Gemüsebeeten zusammenpassen mag?
Malen wir's uns lieber nicht weiter aus, denn die Szenarien einer globalen Klimaveränderung, wie sie von vielen Wissenschaftlern ja schon für die allernächste Zukunft befürchtet werden, dürften unsere Nachfahren auch schon ohne deren eigenes Zutun vor kaum mehr lösbare Probleme stellen, und zwar kurioserweise ausgerechnet deswegen, weil unsere Generation inzwischen längst an den Schalthebeln der globalen Wettermaschinerie herumspielt, - freilich ohne die hohe Kunst des Wettermachens auch nur im Ansatz zu verstehen, geschweigedenn sie zu beherrschen...
Sonntag, den 22. Februar 1998
copyright: Jürgen Vollmer, Marburg
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