Wetterrevue
präsentiert:
Nachbetrachtungen zum Sommer 2000
Konnten wir das Jahr 2000 bereits
im Mai bundesweit als "das Jahr ohne Frühling" charakterisieren, weil der Winter Ende
April fast nahtlos in viel zu frühes Sommerwetter übergegangen war, so tritt nun
ein weiteres, noch auffälligeres Witterungsmerkmal hinzu: Auch der Hochsommermonat Juli
fiel buchstäblich ins Wasser! - Ein klassischer "Siebenschläfersommer" stellte die
Geduld der Ferienkinder, aber auch die der Landwirte bundesweit mit überreichlich Regen und
viel zu kaltem Wetter auf eine arge Belastungsprobe. Nur in einigen wenigen Regionen, besonders im Nordosten und Norden blieb es - trotz Juliregen - durchweg zu trocken.
Meistens gab es aber zwischen Ende Juni und Anfang August kaum einen Tag an dem es nicht
irgendwann regnete und wenn sich die Sonne tatsächlich einmal für halbe Tage hinter
den Wolken hervorwagte, so war es dabei meistens so kalt wie normalerweise im April. Und
dabei hatten die Prognosen mehrerer Klimaforscher doch so verheißungsvoll geklungen:
Noch im April titelte eine für ihre stets präzisen Rechercheleistungen bekannte
große deutsche Tageszeitung unter Berufung auf den Berliner Langfristwetterforscher
Wolfgang Röder: "Saharasommer kommt - im Juli oft bis 40 Grad heiß".
Fragt sich der geneigte Leser natürlich, was da wohl so furchtbar schiefgegangen ist,
dass man sich im heurigen Hochsommer doch eher an Grönland, als etwa an die Sahara
erinnert sah. Der Grund ist so banal wie auch einfach und jeder halbwegs wettererfahrene
Landmensch konnte die Vorzeichen für das Wettervorhersagedesaster auch spätestens Anfang Juli schon sicher erkennen: Die Herren Professoren hatten mal wieder den sogenannten "Siebenschläfer" in ihren Berechnungen schlichtweg vergessen...
"Regnets am Siebenschläfertag (27. Juni) - es sieben Wochen regnen mag" - lautet die
unheilsschwangere Botschaft unserer Ahnen, welche diese bittere Erfahrung schon im Mittelalter
gemacht und niedergeschrieben hatten.
Und in der Tat zeigen auch moderne statistische Untersuchungen, dass einem sommerlich
warmen Mai in Verbindung mit einem ebenfalls deutlich zu warmen Juni in rund 70 von
100 Jahren ein nasser und kühler Hochsommer zu folgen pflegt. Lediglich der genaue
Termin des "Siebenschläfers" stimmt inzwischen nicht mehr so ganz mit unserem heutigen
Kalender überein: Statt am 27. Juni gilt der Zeitraum der ersten Juliwoche als der
Zeitpunkt der Weichenstellung fürs Hochsommerwetter.
Wird es in dieser Zeit - so wie in diesem Jahr - regnerisch und kühl, so tendiert die
Großwetterlage auch meist erst wieder Mitte August zum Besseren. Pech für die
Schulkinder und für viele Landwirte, die im Juli vergebens auf günstiges Druschwetter
warteten, denn das unflütige Juliwetter hat vielerorts zu deutlichen
Qualitätsminderungen bei der verspäteten Getreideernte geführt, die auch ein
noch so prächtiger Spätsommer nicht mehr wettmachen kann.
Einziger Trost: Aufgrund der unterkühlten Witterung dieses "Siebenschläfersommers"
lassen sich mit einer ebensolchen, statistischen Präzision auch noch eine ganze Reihe
schöner Spätsommertage bis weit in den September hinein erwarten. Aber Vorsicht:
Trends für den kommenden Winter lassen sich aus dem vergangenen Regensommer noch lange
nicht herleiten. Erste Vorhersagetrends sind für seriöse Meteorologen frühestens
Mitte November möglich.
Hingegen erscheint eine Vorhersage bereits heute sehr sicher, nämlich die, dass unser
aller Lieblingszeitung spütestens Anfang Oktober bereits wieder ganz genau wissen wird,
obs einen bitterkalten Eiswinter oder lediglich Regen und Sturm geben wird - aber an
Papierenten derartiger Couleur sind wir ja inzwischen schon lange gewöhnt...
Jürgen Vollmer
Zu anderen, in dieser Rubrik erschienenen
Berichten und Reportagen...
© by Jürgen Vollmer, Marburg, 2000
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