22. Mai 99:

HOCHWASSER FLUTET ALPENREGIONEN

Jahrhundertregen richtet Millionenschäden an

Nach gewaltigen Regenfällen flutet derzeit ein Jahrhunderthochwasser Teile Süddeutschlands, der Schweiz und Österreichs. Zuvor war mit 150 bis über 250 mm binnen nur 72 Stunden vielerorts mehr Regen gefallen, als sonst in 2 Monaten! Hinzu kommt die Schneeschmelze in den Hochlagen, wodurch sich die Menge der zu Tal stürzenden Wassermassen gebietsweise auf mehr als 400 mm pro Quadratmeter erhöhen konnte...

Jetzt bahnen sich die Wassermassen ihren Weg durch enge Bergtäler, Flüsse und Seen hinab in die Ebenen. Muren, Schlamm- und Gerölllawinen reißen dabei alles mit, was ihnen im Wege ist. Zahlreiche Häuser wurden bereits zerstört, Verkehrswege unterbrochen und nun treten auch noch die Seen weitflächig über die Ufer, - sie können die gigantischen Wassermassen einfach nicht mehr aufnehmen...

So meldet der Bodensee inzwischen mit 5,63 bei Konstanz den höchsten Wasserstand dieses Jahrhunderts. Normalerweise liegt der Pegel bei 3,20 Meter! Die Stadt Bregenz und mit ihr zahlreiche, ufernahe Gemeinden stehen bereits unter Wasser. Aber auch sämtliche Schweizer Seen sind über die Ufer getreten. Zahllose Täler wurden auch hier zum Katastrophengebiet erklärt. In Österreich ist vor allem das Vorarlberggebiet von den schweren Überflutungen betroffen. Das Unwetter hat zudem bereits mehrere Menschenleben gefordert, - Menschen, die von den extremen Fluten mitgerissen wurden oder in ihren betroffenen Häusern ertranken...

Die materiellen Schäden gehen schon jetzt in die Zig-Millionen und es ist zu befürchten, daß Murenabgänge aus den durchweichten Hängen das Ausmaß der Schäden noch weiter erhöhen werden. Immerhin hat der Dauerregen aufgehört, so daß sich die Hochwasserlage in den Alpen selbst inzwischen entspannt hat. - Dafür rauschen die Wasserfluten jetzt immer weiter flußabwärts, so daß nun an der Donau mit einer Jahrhundertflut gerechnet werden muß.

Und in Neustadt ist es damit am Montag bereits Ernst geworden: Nach einem Dammbruch wurden ganze Stadtteile meterhoch unter Wasser gesetzt und die Flut soll in der Nacht zum Dienstag noch um einen weiteren Meter ansteigen, bis der Scheitel der Welle erreicht ist.

Derzeit sind nach Nachrichtenmeldungen in Bayern 9000 Bundeswehrsoldaten im Katastropheneinsatz. Sie versuchen mit Sandsäcken Dämme zu sichern und so das Schlimmste zu verhindern. - Bilder, die Erinnerungen an die verheerende Oderflut aus dem vergangenen Jahr wecken...

Bis morgen Abend rollt der Scheitel der Flutwelle Donauabwärts und soll dann Passau erreichen. Wir werden an dieser Stelle weiterberichten...

Jürgen Vollmer

Marburg, am Sa, den 22. Mai,
aktualisiert am Pfingstmontag, den 24. Mai 1999

 

Wie sich das Unwetter zusammenbraute...

Wie es zu den gewaltigen Regenmassen kommen konnte, erklärt uns der Wasserbauwerker Andreas Wagner, langjähriger Mitarbeiter des Wasser & Schiffahrtsamtes Trier, der sich seit Jahren von Berufs wegen immer wieder mit Hochwassersituationen (an der Mosel) beschäftigt:

Die schwersten Regenunwetter seit Menschengedenken haben Bayern und Österreich heimgesucht. Regenmengen von 150-171 Liter in nur 24 Stunden, mehr als 250 Liter in 3 Tagen insgesamt, haben weite Teile des Alpenraumes unter Wasser gesetzt und Tote und Verletzte gefordert.

Wie kommt es nun zu derlei ungewöhnlichen Regenmengen?

Ein Tiefdruckgebiet zog von Südfrankreich mit feuchter warmer Luft südlich der Alpen entlang. Es hat warme Mittelmeerluft getankt, und dabei viel Feuchtigkeit aufnehmen können. Gleichzeitig lag nördlich der Alpen kühlere Luft. Nun ist dieses Tief langsam zu einer Spirale verwirbelt und gleichzeitig bei Österreich über die Alpen geklettert. Dabei ist die wärmere Luftmasse nicht nur über die Bergkämme, sondern auch noch über die kühlere Luft im Norden emporgehoben worden.

Bei solchen Vorgängen bilden sich dann gewaltige Regenwolken. Ihre Regenmengen sucht man im übrigen Deutschland vergebens. Der Vorgang des Starkregens wurde noch verstärkt, weil die Wolkenschleppe ständig von Norden gegen die Alpen gepresst wurde. Und werden Wolken gegen Bergmassive gepresst, so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in die Höhe zu steigen. Das wiederum verstärkt die Regenbildung an Ort und Stelle.

Und weil die Wolken über gut 3 Tage hinweg durch die Verwirbelung des inzwischen nahezu ortsfesten Tiefs ununterbrochen gegen die Alpen gedrückt wurden, regnete es auch dementsprechend lang anhaltend und intensiv. Erschwerend kam noch das Schmelzwasser aus den Hochalpen hinzu, denn dort liegen noch mehrere Meter Schnee aus dem letzten Winter!

Im übrigen Deutschland sind derart starke Daueregenfälle kaum möglich. Einzig in einigen Berglagen (Schwarzwald, Bayrischer Wald etc.) können sich die Wolken ebenfalls stauen, jedoch bei weitem nicht so massiv und dauerhaft, wie an den wesentlich höheren Alpen. Ansonsten können Regenwolken über Deutschland weitgehend ungehindert hinwegziehen und weil sie dabei nicht an Hindernissen gestaut werden, dauern die Niederschläge auch selten längere Zeit an...

Trier, am Sa, den 22. Mai 1999

Andreas Wagner, Trier

E-Mail an Andreas

 

Und hier noch ein hochauflösendes Noaa-Satellitenbild von Deutschland, aufgenommen am Freitag, den 21. Mai 1999. Es zeigt die von Norden her pausenlos auf einer leicht geschwungenen Zugbahn gegen die Berge anbrandende Wolkenschleppe des Tiefs über den Alpen, unter denen der Rekordregen niederging.

 

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© by Jürgen Vollmer, Marburg, 1999

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